reservearm

quote Ich zeige nicht aller Welt meine schmutzige Wäsche. Meine Absicht ist, mit meiner schmutzigen Wäsche die ganze Welt zu zeigen.

— Brand Crncevic: Staatsexamen. Aphorismen, Frankfurt am Main 1966, S. 7
Hydra

Hydra

quote Einige Monate nach Herstellung der Freiheit ist es aber dahin gekommen, daß die sozialistische Regierung des Landes auf Zwangsmaßregeln, auf ein dem kriegerischen nachgebildetes Hilfsdienstgesetz sinnen muß, damit nicht alles zugrunde gehe. Das ist nicht ehrenvoll für die Revolution, für die Freiheit, für das Volk. Zudem aber bleiben Arbeitsgesetze nutzlos, wenn es am Verständnis für die Notwendigkeit der Arbeit fehlt. Und dann besinne sich der deutsche Arbeiter. Revolutionstage sind freilich Feiertage. Es ist begreiflich, daß, wer vormittags die Bastille gestürmt hat, nachmittags nichts Rechtes mehr anfangen mag. Genug aber jetzt der Flitterwochen! Es sind Monate vergangen. Keine neuen Streiks, die Keimträger für öffentliche Unruhe sind! Es ist Zeit, zu zeigen, daß das deutsche Volk mit der Arbeit wieder eine ehrbare Ehe zu führen weiß.

— Thomas Mann: Zuspruch, in: Die Warnung (Berlin). Parteipolitisch-neutrales Wochenblatt 1, Nr. 32, 20. Oktober 1919, S. 3

quote Der Deutsche neigt zur Dummheit. Von der Verdummung der Deutschen aber kann man vielleicht erst seit 1914 reden.

— Walter Benjamin: Gedanken zu einer Analysis des Zustands von Mitteleuropa, in: ders.: Einbahnstraße, herausgegeben von Detlev Schöttker, WuN 8, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, S. 145

quote Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, denkt A eines Nachts mit Zahnweh erwachend.

— Jean Améry: Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart: Klett 1969, S. 51

quote Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, denkt A eines Nachts mit Zahnweh erwachend. Wahrscheinlich wird es eine Periostitis, hervorgerufen durch die Abflachung der Zahnfleischtaschen, in deren Folge die Bakterien in den Kiefer eindrangen. Grimmer Schmerz, der mich anfällt, so daß man wahrscheinlich den Zahn wird ziehen müssen, auf den die Brücke sich stützt. Damit wird ein kunstvolles dentistisches Bauwerk zusammenbrechen und danach wird, soferne ich nicht murmelnd mit eingefallenem Munde, frühvergreist durch die Welt gehen will, was leider beruflich nicht möglich ist, wiewohl es vielleicht das Bequemste wäre, die Zahnprothese kommen: extreme Materialisierung meines ohnehin stark materialisierten Körpers. Die Zahnprothese ist, wie ich aus unzähligen mehr oder weniger witzigen Witzen weiß, nicht tragisch, nur lächerlich. In unserer Jugend pflegtest Du mich zu beißen, sagt nachts die liebeslüsterne Frau zu ihrem Mann, der irgendetwas von einem harten Geschäftstag murmelt und zur Kalamität ehelicher Lust nicht aufgelegt ist; als sie aber weiter verführt und verlangt, daß er wieder zum Verführer werde, gibt er resigniert bei: all right, all right, give me my teeth. – So der witzige Witz. A ist nicht einverstanden mit dem Witzdichter, denn er findet, daß eine Zahnprothese tragisch ist wie Lear auf der Heide und daß in einem schmutzigen Jammer versinkt, wer in kein Fleisch mehr beißen kann. Das Leben ist also offensichtlich nicht nur ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, die A selbst jetzt im Kiefer verspürt – so daß er kaum noch weiß, wo der Bohrer eigentlich angesetzt ist und es ihn dringend verlangt, anderswo: etwa neben den Zahnschmerzen zu sein –, sondern auch eine Galgenstätte des Hohnes. So wie die Armut eine Schande ist und die Mehrzahl der Touristen zerlumpte Fellachen degoutant findet, ist offenbar auch der Verfall schändlich: die Welt, hier als sozialer Komplex gemeint, verzeiht uns nicht, daß sich vor ihren Augen der Materialisierungsprozeß in uns vollzieht und hat für uns nur die gute medizinische Fürsorge und den bösen Witz übrig, beide entstanden aus dem Wunsche der Gesellschaft, man möge ihr vom Halse bleiben. Doch kann ich, denkt A, während er sich vom Bett erhebt, um nach einem Glas Wasser und einem Analgeticum zu greifen, versuchen, auf Welt, Berg, Tal und Straße, Nachbar und Witzerfinder zu verzichten und mich tiefer an meine Schmerzen zu engagieren, die der Körperverderb mir auflastet. Zu tun, als wäre das nicht: das nächtliche Erwachen mit bohrendem Zahnweh und der Aussicht auf eine Prothese, gilt nicht. Die Tapferen, die nichts wissen wollen von ihrem Schmerz und ihn abtun mit männlich harter oder weiblich-duldender Handbewegung – nicht so schlimm, nicht so wichtig! – sie sind der Ehre sicher, die eine Gesellschaft ihnen zollt, die nicht behelligt werden will mit dem Schauspiel des Niedergangs. Sie gelangen aber, da sie doch ihren Schmerz verleugnen, ihr Eigenes nicht anerkennen, niemals zur Ichfindung.
Der Körper, den wir im Schmerz und vor allem im Altern, das derlei Beschwernis uns mit jedem Tag häufiger zufügt, erst so recht entdecken, da er sich, leidend wie er ist, nicht mehr überschreitet und auflöst in Welt und Raum – der Körper ist so gut wahres Ich wie die Zeit es ist, die der Alternde in sich geschichtet hat.

— Jean Améry: Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart: Klett 1969, S. 51f.
mimetisches Begehren

mimetisches Begehren

quote Der schreibende Intellektuelle muß sich entscheiden, ob er zu denen gehören will, die andre erklären, oder zu denen, die unter andrem dazu da sind, um von den andren erklärt zu werden. Wer die Notwendigkeit dieser Entscheidung nicht einsieht, und sie also nicht trifft, ist ein unklarer Kopf und vielleicht noch ein Wichtigtuer. Wer die Entscheidung trifft und tatsächlich immer einhält, der taugt auch nicht viel. Denn letzen Endes bemerkt man, daß die vornehmste Aufgabe darin besteht, sich zu erklären; daß man dies nicht erfolgreich getan hat, wenn da für die Klärenden (womit die nötige Interpretation gemeint ist, nicht der volle Umfang der berufsmäßigen) mehr zu sagen bleibt, als man selbst gesagt hat; daß man sich, wenn man sich nur in der rechten Weise wichtig nimmt, mitunter am besten erklärt, indem man andre erklärt.

— Franz Baermann Steiner: Feststellungen und Versuche. Aufzeichnungen 1943 – 1952, Göttingen: Wallstein 2009, S. 95