reservearm

quote Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, denkt A eines Nachts mit Zahnweh erwachend.

— Jean Améry: Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart: Klett 1969, S. 51

quote Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, denkt A eines Nachts mit Zahnweh erwachend. Wahrscheinlich wird es eine Periostitis, hervorgerufen durch die Abflachung der Zahnfleischtaschen, in deren Folge die Bakterien in den Kiefer eindrangen. Grimmer Schmerz, der mich anfällt, so daß man wahrscheinlich den Zahn wird ziehen müssen, auf den die Brücke sich stützt. Damit wird ein kunstvolles dentistisches Bauwerk zusammenbrechen und danach wird, soferne ich nicht murmelnd mit eingefallenem Munde, frühvergreist durch die Welt gehen will, was leider beruflich nicht möglich ist, wiewohl es vielleicht das Bequemste wäre, die Zahnprothese kommen: extreme Materialisierung meines ohnehin stark materialisierten Körpers. Die Zahnprothese ist, wie ich aus unzähligen mehr oder weniger witzigen Witzen weiß, nicht tragisch, nur lächerlich. In unserer Jugend pflegtest Du mich zu beißen, sagt nachts die liebeslüsterne Frau zu ihrem Mann, der irgendetwas von einem harten Geschäftstag murmelt und zur Kalamität ehelicher Lust nicht aufgelegt ist; als sie aber weiter verführt und verlangt, daß er wieder zum Verführer werde, gibt er resigniert bei: all right, all right, give me my teeth. – So der witzige Witz. A ist nicht einverstanden mit dem Witzdichter, denn er findet, daß eine Zahnprothese tragisch ist wie Lear auf der Heide und daß in einem schmutzigen Jammer versinkt, wer in kein Fleisch mehr beißen kann. Das Leben ist also offensichtlich nicht nur ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, die A selbst jetzt im Kiefer verspürt – so daß er kaum noch weiß, wo der Bohrer eigentlich angesetzt ist und es ihn dringend verlangt, anderswo: etwa neben den Zahnschmerzen zu sein –, sondern auch eine Galgenstätte des Hohnes. So wie die Armut eine Schande ist und die Mehrzahl der Touristen zerlumpte Fellachen degoutant findet, ist offenbar auch der Verfall schändlich: die Welt, hier als sozialer Komplex gemeint, verzeiht uns nicht, daß sich vor ihren Augen der Materialisierungsprozeß in uns vollzieht und hat für uns nur die gute medizinische Fürsorge und den bösen Witz übrig, beide entstanden aus dem Wunsche der Gesellschaft, man möge ihr vom Halse bleiben. Doch kann ich, denkt A, während er sich vom Bett erhebt, um nach einem Glas Wasser und einem Analgeticum zu greifen, versuchen, auf Welt, Berg, Tal und Straße, Nachbar und Witzerfinder zu verzichten und mich tiefer an meine Schmerzen zu engagieren, die der Körperverderb mir auflastet. Zu tun, als wäre das nicht: das nächtliche Erwachen mit bohrendem Zahnweh und der Aussicht auf eine Prothese, gilt nicht. Die Tapferen, die nichts wissen wollen von ihrem Schmerz und ihn abtun mit männlich harter oder weiblich-duldender Handbewegung – nicht so schlimm, nicht so wichtig! – sie sind der Ehre sicher, die eine Gesellschaft ihnen zollt, die nicht behelligt werden will mit dem Schauspiel des Niedergangs. Sie gelangen aber, da sie doch ihren Schmerz verleugnen, ihr Eigenes nicht anerkennen, niemals zur Ichfindung.
Der Körper, den wir im Schmerz und vor allem im Altern, das derlei Beschwernis uns mit jedem Tag häufiger zufügt, erst so recht entdecken, da er sich, leidend wie er ist, nicht mehr überschreitet und auflöst in Welt und Raum – der Körper ist so gut wahres Ich wie die Zeit es ist, die der Alternde in sich geschichtet hat.

— Jean Améry: Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart: Klett 1969, S. 51f.
mimetisches Begehren

mimetisches Begehren

quote Der schreibende Intellektuelle muß sich entscheiden, ob er zu denen gehören will, die andre erklären, oder zu denen, die unter andrem dazu da sind, um von den andren erklärt zu werden. Wer die Notwendigkeit dieser Entscheidung nicht einsieht, und sie also nicht trifft, ist ein unklarer Kopf und vielleicht noch ein Wichtigtuer. Wer die Entscheidung trifft und tatsächlich immer einhält, der taugt auch nicht viel. Denn letzen Endes bemerkt man, daß die vornehmste Aufgabe darin besteht, sich zu erklären; daß man dies nicht erfolgreich getan hat, wenn da für die Klärenden (womit die nötige Interpretation gemeint ist, nicht der volle Umfang der berufsmäßigen) mehr zu sagen bleibt, als man selbst gesagt hat; daß man sich, wenn man sich nur in der rechten Weise wichtig nimmt, mitunter am besten erklärt, indem man andre erklärt.

— Franz Baermann Steiner: Feststellungen und Versuche. Aufzeichnungen 1943 – 1952, Göttingen: Wallstein 2009, S. 95
Bei dem Gegensatze von Form und Inhalt ist wesentlich festzuhalten, daß der Inhalt nicht formlos ist, sondern ebensowohl die Form in ihm selbst hat, als sie ihm ein Äußerliches ist. Es ist die Verdopplung der Form enthalten, die das eine Mal als in sich reflektiert der Inhalt, das andere Mal als nicht in sich reflektiert die äußerliche, dem Inhalte gleichgültige, Existenz ist. An-sich ist hier vorhanden das absolute Verhältnis des Inhalts und der Form, nämlich das Umschlagen derselben ineinander, so daß der Inhalt nichts ist als das Umschlagen der Form in Inhalt, und die Form nichts als Umschlagen des Inhalts in Form.
[Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil. Die Wissenschaft der Logik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970, S.264f.]

Bei dem Gegensatze von Form und Inhalt ist wesentlich festzuhalten, daß der Inhalt nicht formlos ist, sondern ebensowohl die Form in ihm selbst hat, als sie ihm ein Äußerliches ist. Es ist die Verdopplung der Form enthalten, die das eine Mal als in sich reflektiert der Inhalt, das andere Mal als nicht in sich reflektiert die äußerliche, dem Inhalte gleichgültige, Existenz ist. An-sich ist hier vorhanden das absolute Verhältnis des Inhalts und der Form, nämlich das Umschlagen derselben ineinander, so daß der Inhalt nichts ist als das Umschlagen der Form in Inhalt, und die Form nichts als Umschlagen des Inhalts in Form.

[Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil. Die Wissenschaft der Logik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970, S.264f.]

quote Ein Hinweis ist auch das (Wort) »vergeblich«: Das benutzt man dann, wenn das um eines anderen willen Vorgenommene bei seinem Eintreten diesen Zweck nicht erreicht; z.B., wenn das Spazierengehen um der Verdauungsförderung willen unternommen wird und wenn für den Spaziergänger die erhoffte Wirkung nicht eingetreten ist, dann sagen wir, er sei vergeblich spazieren gegangen, und nennen ein solches Spazierengehen »zwecklos«, wobei wir dem »zwecklos« folgende Bedeutung unterlegen: Wenn etwas, das um eines anderen Willen da ist, jenes andere, um dessentwillen es da und vorhanden war, nicht zuwege bringt. Wenn doch jemand sagen wollte, er habe sich vergeblich gewaschen, weil die Sonnenfinsternis nicht eingetreten sei, dann wäre der lächerlich; denn das eine hat doch nicht um des anderen willen stattgefunden. So ergibt sich »Zu-fall« schon vom bloßen Wort her, wenn »es selbst« (das Ereignis) »vergeblich zu-fällt«. Da ist also ein Stein heruntergefallen, nicht um jemanden zu treffen; zufällig also ist der Stein gefallen, er hätte ja auch durch Einwirkung von jemandem fallen können, und dies mit der Zweckabsicht, jemanden zu erschlagen.

— Aristoteles: Physik. Vorlesung über die Natur, übersetzt von Hans Günter Zekl, Hamburg: Meiner 1995, S. 40f.
Armer Regenschirm

Armer Regenschirm

quote Über eine in unseren Zeiten grassierende Metaphysik, nach welcher wir die Dinge darum nicht erkennen, weil sie absolut fest gegen uns sind, könnte man sich ausdrücken, daß nicht einmal die Tiere so dumm sind als diese Metaphysiker; denn sie gehen auf die Dinge zu, greifen, erfassen, verzehren sie.

— Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Zweiter Teil. Die Naturphilosophie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 19

quote Die Revolution hat nicht alle Tyranneien gestürzt; die Übel, die man den willkürlichen Gewalten vorgeworfen hat, bestehen in den Familien; sie verursachen hier Krisen, analog denen der Revolutionen.
[…]
Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Mißbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen.

— Karl Marx: Peuchet: vom Selbstmord [1846], in: ders.: Vom Selbstmord, herausgegeben von Eric A. Plaut und Kevin Anderson, Köln: Neuer ISP Verlag 2001, S. 53-76, S.60ff.