reservearm

quote Was wäre Sentimentalität, wenn nicht der erlahmende Flügel des Fühlens, das sich irgendwo niederlässt, weil es nicht weiterkam, und was also ihr Gegensatz, wenn nicht diese unermüdete Regung, die sich so weise aufspart, auf kein Erlebnis und Erinnern sich niederlässt, sondern schwebend eins nach dem andern streift: «O Stern und Blume, Geist und Kleid / Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.»

— Walter Benjamin: Deutsche Menschen, herausgegeben von Momme Brodersen, in: ders.: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe, Band 10, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008, S. 66
Mikhail Bakhtin

Mikhail Bakhtin

quote Gern hätte ich einen Bericht über diesen Tag, wie auch über mein restliches Leben verfasst: einen Bericht, oder besser gesagt, ein einfaches Tagebuch. Dass die Menschen sich alle gleichermaßen an das Gesetz hielten, oh, dieser Gedanke berauschte mich. Jeder schien nach Gutdünken zu handeln, jeder tat unbegreifliche Dinge, und für dich war jede dieser verborgenen Existenzen von einem Lichthof umgeben: Es gab keinen Menschen, der den anderen nicht als Hoffnung, als etwas Überraschendes ansah und einvernehmlichen Schrittes auf ihn zuging. Was ist nur dieser Staat, fragte ich mich. Er steckt in mir, und noch in meiner kleinsten Faser, bei allem, was ich tue, spüre ich, wie er in mir lebt. Da überkam mich die Gewissheit, dass ich nur Stunde um Stunde einen Kommentar meines Handelns niederzuschreiben brauchte, um darin eine höchste Wahrheit aufblühen zu sehen: jene, die unermüdlich unter uns allen zirkulierte und vom öffentlichen Leben ständig neu entfacht, überwacht, aufgesogen und wieder ausgespieen wurde, in einem fesselnden und wohl durchdachten Spiel.

— Blanchot, Maurice: Der Allerhöchste, Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 34f

quote Den sauberen, – allemal, entgegnete Eugenius. Eugenius, sagt’ ich, indem ich vor ihn hintrat und ihm die Hand auf die Brust legte, – definieren – heißt mißtrauen. – So triumphiert’ ich über Eugenius; doch triumphiert’ ich über ihn so, wie ich’s immer tu’, wie ein Narr. – Allein, mein Trost bleibt’s, daß ich kein widerspenstiger bin; deshalb.

— Lawrence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandly, Gentleman, Frankfurt am Main 2006, S. 253
Mitspielen.

Mitspielen.

quote Das einzige, was man vielleicht sagen kann, ist, daß das richtige Leben heute in der Gestalt des Widerstandes gegen die von dem fortgeschrittensten Bewusstsein durchschauten, kritisch aufgelösten Formen eines falschen Lebens bestünde. Eine andere als diese negative Anweisung ist wohl wirklich nicht zu geben. […] Ich meine also dabei die bestimmte Negation des Durchschauten und damit die Kraft des Widerstandes gegen all das uns Auferlegte, gegen das, was die Welt aus uns gemacht hat und noch in unendlich viel weiterem Maß aus uns machen will. Etwas anderes als die Reflexion darauf bleibt uns nicht, und der Versuch, von vornherein im Bewußtsein seiner objektiven Ohnmacht dagegen anzugehen; und dieser Widerstand gegen das, was die Welt aus uns gemacht hat, ist nun beileibe nicht bloß ein Unterschied gegen die äußere Welt, gegen die wir uns selbst ins Recht zu setzen hätten – jeder solche Versuch würde das Prinzip des Weltlaufs, das sowieso in uns am Werk ist, nur noch verstärken und dadurch dem Schlechten zugute kommen – sondern dieser Widerstand müßte sich allerdings in uns selber gegen all das erweisen, worin wir dazu tendieren, mitzuspielen. […] Ich meine allerdings, daß es für die gegenwärtige Situation entscheidend ist, daß dieses Moment des Mitspielens, von dem ich Ihnen gesprochen habe, etwas ist, das von keinem Menschen, wenn er einfach überleben will, ganz vermieden werden kann, wenn er nicht wirklich ein Heiliger ist – aber die Existenz eines Heiligen ist heute auch prekär. […] Vielleicht ist es allerdings so, daß, wenn dies Mitspielen in die Reflexion selber hineingenommen wird und wenn wir seine Konsequenzen wissen, daß dann doch alles, was wir tun – was in dem Bewußtsein getan wird, daß es an dem Falschen mithilft –, ein klein wenig anders ist, als es sonst wäre. Aber schon das ist zu eitel, als daß man es sagen dürfte – und ich sage es Ihnen eigentlich mehr, um Ihnen nicht, statt das Brot in den Mund, nur die berühmten Steine an den Kopf zu werfen, als daß ich aus dieser Reflexion selber nun allzu viel zu machen gedächte.

— Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie (1963), herausgegeben von Thomas Schröder, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010, S. 249f.
onlyaabutxxx: Im Dialog mit der Staatsgewalt: Nebel zogen und es tropfte. Die schöne Zeit war dahin. Der letzte Tag vorbei.

onlyaabutxxxIm Dialog mit der Staatsgewalt: Nebel zogen und es tropfte. Die schöne Zeit war dahin. Der letzte Tag vorbei.

quote Was ihm abging, war der Wille, das Beste aus der Situation zu machen, denn warum ausgerechnet das Beste? Warum nicht das Viertbeste oder Siebtschlechteste? Gab es um ihn herum einen einzigen Menschen, der aus seinem Leben das Beste gemacht hatte? […]
In Bergenstadt machte man nicht das Beste aus seinem Leben, und er mochte das. Die Welt war voller Leute, die an ihrem aufgeblasenen Ego hingen wie an einem Heißluftballon ohne Gondel: Zappelnd, grotesk, vom Absturz bedroht. Er hatte sie auf Tagungen beobachtet, und er hatte sich selbst auf Tagungen beobachtet! Wie oft hatte er durch die Nase gesprochen und an seinem Brillenbügel gekaut und, wenn ihm gar nichts mehr einfiel, »Dialektik« gesagt. Wer brauchte das? Wer brauchte ihn?

— Stephan Thome: Grenzgang, Frankfurt am Main/Wien/Zürich: Büchergilde Gutenberg 2009, S. 284