reservearm

quote Kunst findet sich in der Realität, hat ihre Funktion in ihr, ist auch in sich vielfältig zur Realität vermittelt. Gleichwohl aber steht sie als Kunst, ihrem eigenen Begriff nach, antithetisch dem gegenüber, was der Fall ist. Das hat die Philosophie mit dem Namen des ästhetischen Scheins bedacht. Auch Lukács wird kaum überspringen können, daß der Gehalt von Kunstwerken nicht in demselben Sinn wirklich ist wie die reale Gesellschaft. Wäre dieser Unterschied eliminiert, so verlöre jegliche Bemühung um Ästhetik ihr Substrat. Daß aber die Kunst von der unmittelbaren Realität, in der sie einmal als Magie entsprang, qualitativ sich sonderte, ihr Scheincharakter, ist weder ihr ideologischer Sündenfall noch ein ihr äußerlich hinzugefügter Index, so als wiederholte sie bloß die Welt, nur ohne den Anspruch, selber unmittelbar wirklich zu sein. Eine solche subtraktive Vorstellung spräche aller Dialektik Hohn. Vielmehr betrifft die Differenz von empirischem Dasein und Kunst deren innerste Zusammensetzung. Gibt sie Wesen, »Bilder«, so ist das keine idealistische Sünde; daß manche Künstler idealistischen Philosophien anhingen, besagt nichts über den Gehalt ihrer Werke. Sondern Kunst selber hat gegenüber dem bloß Seienden, wofern sie es nicht, kunstfremd, bloß verdoppelt, zum Wesen, Wesen und Bild zu sein. Dadurch erst konstituiert sich das Ästhetische; dadurch, nicht im Blick auf die bloße Unmittelbarkeit, wird Kunst zu Erkenntnis, nämlich einer Realität gerecht, die ihr eigenes Wesen verhängt und was es ausspricht zugunsten einer bloß klassifikatorischen Ordnung unterdrückt. Nur in der Kristallisation des eigenen Formgesetzes, nicht in der passiven Hinnahme der Objekte konvergiert Kunst mit dem Wirklichen. Erkenntnis ist in ihr durch und durch ästhetisch vermittelt. Selbst der vorgebliche Solipsismus, Lukács zufolge Rückfall auf die illusionäre Unmittelbarkeit des Subjekts, bedeutet in der Kunst nicht, wie in schlechten Erkenntnistheorien, die Verleugnung des Objekts, sondern intendiert dialektisch die Versöhnung mit ihm. Als Bild wird es ins Subjekt hineingenommen, anstatt, nach dem Geheiß der entfremdeten Welt, dinghaft ihm gegenüber zu versteinern. Kraft des Widerspruchs zwischen diesem im Bild versöhnten, nämlich ins Subjekt spontan aufgenommenen Objekt und dem real unversöhnten draußen, kritisiert das Kunstwerk die Realität. Es ist deren negative Erkenntnis. Nach Analogie zu einer heute geläufigen philosophischen Redeweise könnte man von der »ästhetischen Differenz« vom Dasein sprechen: nur vermöge dieser Differenz, nicht durch deren Verleugnung, wird das Kunstwerk beides, Kunstwerk und richtiges Bewußtsein. Eine Kunsttheorie, die das ignoriert, ist banausisch und ideologisch in eins.

— Theodor W. Adorno: Erpreßte Versöhnung, in: ders: Noten zur Literatur, GS Band 11, S. 260-261

quote Marx übernimmt - auf materialistischer Basis - das Hegelsche Verfahren des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten, damit dessen Kritik an begriffloser Empirie. Auch für ihn hat wissenschaftliche Erkenntnis keinen deskriptiven, sondern “darstellenden” Charakter. Das “Konkrete”, worauf sie abzielt, ist gerade nicht, was dem gesunden Menschenverstand dabei vorschwebt: der klassifizierbare Einzelbefund, sonder ein synthetisches Wissen, begriffene “Einheit des Mannigfaltigen”. Die Marxsche Dialektik widersetzt sich (wie schon die Hegelsche) der strengen Dichotomie von Faktischem und Gedanklichem; sie ist keine “Subsumtion einer Masse von ‘Cases’ under a general principle”. Vielmehr lehrt sie das Allgemeine, die gesellschaftliche Produktion, als ein Konkret-Allgemeines zu erfassen. Besondere Tatbestände wie Distribution, Austausch und Konsumtion sind keine chaotische Summe starrer Daten, die in einer ihnen äußerlichen Weise geordnet werden; sie bilden objektiv “Glieder einer Totalität …, Unterschiede innerhalb einer Einheit”, die von der Produktion als dem übergreifenden Moment gestiftet wird.

— Alfred Schmidt: Geschichte und Struktur. Fragen einer marxistischen Historik, München: Carl Hanser Verlag 1971, S. 49

quote ‘Eigentlich denkt der Denkende gar nicht, sondern macht sich zum Schauplatz geistiger Erfahrung.’ Das ist schwieriger, als die Formulierung Adornos erkennen läßt. Auch das Ich des Essayisten verzichtet nicht ohne weiteres auf sein Vorrecht des Denkens. Will der Essayist sich wirklich zum Schauplatz geistiger Erfahrung machen, so muß er sich selbst überlisten. Um das fertigzubringen, braucht er den Text des andern, der ihm Widerstand engegensetzt. Je fremder, abstoßender dieser für ihn ist, um so größer die Chance, an ihm eine Erfahrung zu machen. Die Kunst des Essayisten besteht darin, den fremden Text stark zu machen, bis das eigene Wissen schließlich nachgibt.

— Peter Bürger: Das Denken des Herrn. Bataille zwischen Hegel und dem Surrealismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992

quote Was in einem bestimmten, gegebnen Zeitmoment der Zukunft zu tun ist, unmittelbar zu tun ist, hängt natürlich ganz und gar von den gegebenen historischen Umständen ab, worin zu handeln ist. Jene Frage aber stellt sich in Nebelland, stellt also in der Tat ein Phantomproblem, worauf die einzige Antwort – die Kritik der Frage selbst sein muß. Wir können keine Gleichung lösen, die nicht die Elemente ihrer Lösung in ihren Data einschließt. […] Die doktrinäre und notwendig phantastische Antizipation des Aktionsprogramms einer Revolution der Zukunft leitet nur ab vom gegenwärtigen Kampf. […]
Nach meiner Überzeugung ist die kritische Konjunktur einer neuen internationalen Arbeiterassoziation noch nicht da; ich halte daher alle Arbeiterkongresse, resp. Sozialistenkongresse, soweit sie sich nicht auf unmittelbare, gegebne Verhältnisse in dieser oder jener bestimmten Nation beziehen, nicht nur für nutzlos, sondern für schädlich. Sie werden stets verpuffen in unzählig wiedergekäuten allgemeinen Banalitäten.

— Karl Marx: Brief an Ferdinand Domela Nieuwenhuis, 22. Februar 1881, in: MEW 35, S. 159-161; S. 160ff.
onlyaabutxxx:

The lunatic is in my head: And if your head explodes with dark forebodings too I’ll see you on the dark side of the moon. 

onlyaabutxxx:

The lunatic is in my head: And if your head explodes with dark forebodings too I’ll see you on the dark side of the moon. 

quote
Abends, schwierig
das Fenster denkt in Scherben

— Sebastian Unger: Mit Lenz unterwegs, in: BELLA triste, Frühjahr 2013, S.24
zartcore:

…und umgekehrt!

zartcore:

…und umgekehrt!

quote Man muß […] gegen die Vielzahl denken und anschreiben. Gegen die Mehrzahl, die Meisten, die Zuvielen, die »den Sprachgebrauch gemacht [haben]«. Gegen den Sprachgebrauch, der beherrscht, was man den öffentlichen Raum nennt. Gäbe es eine Gemeinschaft, ja einen Kommunismus des Schreibens, so hätte sie ihre Bedingung zunächst daran, daß man gegen jene Krieg führt, die den vorherrschenden Sprachgebrauch prägen und sich zueigen machen, gegen die Mehrzahl, die Stärksten und Schwächsten zugleich – wobei es eine offene Frage bleibt, ob die größte Kraft, Stärke und Macht, mit einem Wort: die Hegemonie oder Dynastie, auf der Seite der größten Zahl – und nicht vielmehr […] auf der des Schwächsten ist. Und umgekehrt.

— Jacques Derrida: Politik der Freundschaft, übersetzt von Stefan Lorenzer, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 108f.