reservearm

quote Das einzige, was man vielleicht sagen kann, ist, daß das richtige Leben heute in der Gestalt des Widerstandes gegen die von dem fortgeschrittensten Bewusstsein durchschauten, kritisch aufgelösten Formen eines falschen Lebens bestünde. Eine andere als diese negative Anweisung ist wohl wirklich nicht zu geben. […] Ich meine also dabei die bestimmte Negation des Durchschauten und damit die Kraft des Widerstandes gegen all das uns Auferlegte, gegen das, was die Welt aus uns gemacht hat und noch in unendlich viel weiterem Maß aus uns machen will. Etwas anderes als die Reflexion darauf bleibt uns nicht, und der Versuch, von vornherein im Bewußtsein seiner objektiven Ohnmacht dagegen anzugehen; und dieser Widerstand gegen das, was die Welt aus uns gemacht hat, ist nun beileibe nicht bloß ein Unterschied gegen die äußere Welt, gegen die wir uns selbst ins Recht zu setzen hätten – jeder solche Versuch würde das Prinzip des Weltlaufs, das sowieso in uns am Werk ist, nur noch verstärken und dadurch dem Schlechten zugute kommen – sondern dieser Widerstand müßte sich allerdings in uns selber gegen all das erweisen, worin wir dazu tendieren, mitzuspielen. […] Ich meine allerdings, daß es für die gegenwärtige Situation entscheidend ist, daß dieses Moment des Mitspielens, von dem ich Ihnen gesprochen habe, etwas ist, das von keinem Menschen, wenn er einfach überleben will, ganz vermieden werden kann, wenn er nicht wirklich ein Heiliger ist – aber die Existenz eines Heiligen ist heute auch prekär. […] Vielleicht ist es allerdings so, daß, wenn dies Mitspielen in die Reflexion selber hineingenommen wird und wenn wir seine Konsequenzen wissen, daß dann doch alles, was wir tun – was in dem Bewußtsein getan wird, daß es an dem Falschen mithilft –, ein klein wenig anders ist, als es sonst wäre. Aber schon das ist zu eitel, als daß man es sagen dürfte – und ich sage es Ihnen eigentlich mehr, um Ihnen nicht, statt das Brot in den Mund, nur die berühmten Steine an den Kopf zu werfen, als daß ich aus dieser Reflexion selber nun allzu viel zu machen gedächte.

— Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie (1963), herausgegeben von Thomas Schröder, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010, S. 249f.
onlyaabutxxx: Im Dialog mit der Staatsgewalt: Nebel zogen und es tropfte. Die schöne Zeit war dahin. Der letzte Tag vorbei.

onlyaabutxxxIm Dialog mit der Staatsgewalt: Nebel zogen und es tropfte. Die schöne Zeit war dahin. Der letzte Tag vorbei.

quote Was ihm abging, war der Wille, das Beste aus der Situation zu machen, denn warum ausgerechnet das Beste? Warum nicht das Viertbeste oder Siebtschlechteste? Gab es um ihn herum einen einzigen Menschen, der aus seinem Leben das Beste gemacht hatte? […]
In Bergenstadt machte man nicht das Beste aus seinem Leben, und er mochte das. Die Welt war voller Leute, die an ihrem aufgeblasenen Ego hingen wie an einem Heißluftballon ohne Gondel: Zappelnd, grotesk, vom Absturz bedroht. Er hatte sie auf Tagungen beobachtet, und er hatte sich selbst auf Tagungen beobachtet! Wie oft hatte er durch die Nase gesprochen und an seinem Brillenbügel gekaut und, wenn ihm gar nichts mehr einfiel, »Dialektik« gesagt. Wer brauchte das? Wer brauchte ihn?

— Stephan Thome: Grenzgang, Frankfurt am Main/Wien/Zürich: Büchergilde Gutenberg 2009, S. 284

quote Bei Sylvesterveranstaltungen in gehobenen Weinlokalen und besseren Hotels pflegt unter den Gästen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Vertraulichkeit, Kameradschaft zu herrschen. Sie erinnern trotz des einfachen Anlasses an die harmonische Stimmung bei Naturkatastrophen, nationalen Freudentagen, Unglücksfällen, beim Ausbruch des Weltkrieges, sportlichen Rekordleistungen usf. Der Beginn des neuen Jahres wird als allgemein menschliche Sache aufgefasst, als eines der majestätischen Ereignisse, bei denen wieder einmal offenbar wird, dass die Unterschiede zwischen den Menschen, vor allem zwischen reich und arm in Wirklichkeit belanglos sind. Die in dieser Nacht durch die Preisunterschiede der verschiedenen Vergnügungsstätten ohnehin gemilderte Vermischung erfährt freilich durch die Anwesenheit der Kellner noch eine weitere Einschränkung; im ganzen herrscht jedoch ein Geist der Gemütlichkeit, und um 12 Uhr sind alle in bedeutsamer Ausgelassenheit miteinander verbunden.
Gerade zu dieser Zeit, da der Jubel seinen Höhepunkt erreichte, hatte die von ihrem vornehmen Freund eingeladene kleine Angestellte Wein auf ihr Kleid verschüttet. Während das Gesicht in Begeisterung strahlte und sich die allgemeine Fröhlichkeit darin spiegelte, fuhren ihre Hände in unbewusstem Eifer fort, den Flecken zu entfernen. Diese isolierten Hände verrieten die ganze Festgesellschaft.

— Max Horkheimer: Die Verräterischen Hände, in: Dämmerung. Notizen in Deutschland, Zürich: Oprecht & Helbling 1934, S. 15
for the use of those who see

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quote Ehrenberg spricht von einem »erschöpften Selbst«.
Freie Gesellschaften unterstützen eher die Herausbildung von Depressionen, repressive eher die von Neurosen.
(Aha. Und jetzt? Was schlägst du vor, Schlaumeier? Stell du dich doch nicht so an.)

— Terézia Mora: Das Ungeheuer, München: Luchterhand 2013, S. 248

quote Wenn wir tatsächlich ein umfassendes Verständnis von Hegels spekulativer Theorie des Begriffs und der begrifflichen Bestimmtheit benötigen, um etwa zu verstehen, wie die individuelle Freiheit in der allgemeinen Ordnung des Staates nicht unterdrückt, sondern verwirklicht wird, oder um die Willensfreiheit selbst als die »Beziehung der Negativität auf sich selbst« zu verstehen, so scheinen wir in einen dunklen und gefährlichen Wald zu geraten, aus dem wenige je wiederkehrten, die eine Sprache sprachen, die irgend jemand verstehen konnte.

— Robert Pippin: Hegel und das Problem der Freiheit, in: Die Verwirklichung der Freiheit. Der Idealismus als Diskurs der Moderne, Frankfurt am Main: Campus 2005, S. 59-70; S. 60